CHRISTOPH-DORNIER-KLINIK FÜR PSYCHOTHERAPIE
 


URSACHEN EINER ABHÄNGIGKEIT
Biologisches Entstehungsmodell |  Psychologisches Modell |  Teufelskreis | 
Vier Phasen der Veränderung |  Entzugsbehandlung ist der Anfang |  Besonderheiten


Die Entwicklung

einer Abhängigkeit

ist ein

multifaktorieller

Prozess...

 
 

Für die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit gibt es bis heute kein einheitliches Erklärungsmodell. Was beim Einzelnen zu einer Alkoholproblematik führt, ist individuell sehr unterschiedlich und meist von verschiedenen Faktoren abhängig. Ganz klar kann jedoch mit einigen Vorurteilen aufgeräumt werden, die im Zusammenhang mit Alkoholabhängigkeit immer wieder genannt werden:

Persönlichkeit:
Alkoholabhängigkeit ist keine Charakterfrage. Alkoholabhängige sind keine besonders labilen, willensschwachen oder unbeherrschten Personen. Die oft zitierte Suchtpersönlichkeit ließ sich nicht durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen.

Vererbung
Auch wenn Angehörige von Alkoholabhängigen ein erhöhtes Risiko haben, ebenfalls eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln, kann man keinesfalls davon sprechen, dass die Erkrankung selbst vererbt wird. Was anscheinend vererbt wird, sind körperliche Faktoren wie Alkoholverträglichkeit bzw. Alkoholabbaukapazitäten. Eine erbliche Vorbelastung allein reicht nicht aus, um eine Abhängigkeit zu entwickeln.

Schwere Kindheit / Schicksalsschläge
Nicht alle Alkoholabhängigen hatten eine schwere Kindheit oder ein besonders schweres Leben vor Entwicklung ihrer Erkrankung. Anders herum entwickelt auch nicht jeder Mensch, der unter schwierigen Bedingungen in der Kindheit gelitten hat bzw. harten Schicksalsschlägen ausgesetzt war, eine Alkoholabhängigkeit. Ein Vergleich von Lebensläufen von alkholabhängigen und nicht abhängigen Personen brachte keinerlei Unterschiede zu Tage.

Die Entwicklung einer Abhängigkeit ist keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung, sondern ein komplexer, multifaktorieller Prozess, der in den meisten Fällen über einen längeren Zeitraum hinweg schleichend verläuft.


 

 


...Ein Teufelskreis

aus Trinken,

unangenehmen

Nebenerscheinungen,

erneutem Trinken

entsteht...

 

A

Ein biologisches Entstehungsmodell von Alkholabhängigkeit

Wie sich in wissenschaftlichen Untersuchungen gezeigt hat - und was wahrscheinlich viele durch eigene Erfahrungen kennen gelernt haben - hat Alkohol eine Wirkung in zwei Phasen. Die erste Phase zeichnet sich durch angenehme Veränderungen aus, es werden vermehrt Endorphine, körpereigene Glückshormone, ausgeschüttet.

Daher spricht man hierbei von der angenehmen Hauptwirkung. Dies wird je nach Situation vom Betroffenen als Beruhigung, Entspannung, Schmerzlinderung, Enthemmung, verbesserte Stimmung oder Stärkung erlebt. Diese Wirkung tritt sofort bei Trinkbeginn ein, hält allerdings nur so lange an, wie der Alkoholspiegel im Blut steigt.

Beim Abfallen des Alkoholspiegels durch die beschriebenen Abbauprozesse in der Leber setzt die sogenannte unangenehme Nebenwirkung von Alkohol ein. Nebenprodukte des Abbauprozesses führen dazu, dass im Gehirn weniger Endorphine produziert werden, die ursprüngliche Wirkung von Alkohol wird demnach in dieser Phase umgekehrt. Der Betroffene kann diese Phase als Unruhe, Unlust, Gereiztheit, Verstimmung, Müdigkeit oder Kater erleben. Bei lang andauerndem Alkoholkonsum entwickelt der Körper außerdem einen zusätzliches Enzym zum Abbau von Alkohol (MEOS), das zwar den Abbauprozess beschleunigt, allerdings auch dazu führt, dass die unangenehmen Nebenwirkungen schneller und heftiger einsetzen.

Diese unangenehmen Nebenwirkungen von Alkohol klingen ab, wenn wiederum Alkohol getrunken wird. Bei fortgesetztem, starkem Alkoholkonsum kann es nun zu einer langsamen Anhäufung dieser unangenehmen Nebenwirkungen kommen, was schließlich zur Entwicklung der oben beschriebenen Entzugssymptome führt. Da wiederum Alkohol ein wirksames Mittel gegen diese Entzugserscheinungen darstellt, kommt der Betroffene schnell in einen Teufelskreis aus Trinken, unangenehmen Nebenwirkungen, erneutem Trinken, stärkeren Nebenwirkungen usw.


 

 












 

B

Ein psychologisches Modell zur Abhängigkeit

Wie oben bereits erwähnt, gibt es selten das eine auslösende Ereignis, das den Schalter vom normalen Trinkverhalten in eine Alkoholabhängigkeit umlegt. Vielmehr handelt es sich in den meisten Fällen um eine schleichende Entwicklung. Die ersten Erfahrungen mit Alkohol sind oft gekennzeichnet durch Neugier oder Unsicherheit in bestimmten Situationen (erste Parties, Discobesuche). Auch das Verhalten anderer spielt eine große Rolle. Haben Freunde bereits Erfahrungen mit Alkohol gesammelt, möchte man nicht als Spielverderber daneben stehen, vor allem dann nicht, wenn eine angenehme Wirkung des Trinkens versprochen wird.

"Das erste Mal”
Die Wirkung von Alkohol ist dann zunächst auch sehr positiv. Man fühlt sich sicherer, hat weniger Hemmungen, was gerade in dem Alter, in dem die meisten die ersten Trinkerfahrungen machen, ein entscheidender Faktor ist. Selten führt der erste Alkoholkonsum zum Rausch mit starken Nebenwirkungen, so dass eine angenehme und gute Erinnerung an das "erste Mal” bleibt. Somit steigt die Wahrscheinlichkeit, in ähnlichen Situationen in der Zukunft ebenfalls Alkohol zu trinken. So wird das Trinken in bestimmten Situationen immer mehr zur Regel, eine Party, ein Kneipenbesuch ohne Alkohol ist nur noch schwer vorstellbar. Dafür kann es ganz unterschiedliche Gründe geben. Zum Teil wird von außen erheblicher Druck zum "Mittrinken” erzeugt, zum Teil ist es auch die erwartete Wirkung von Alkohol, die einen nur schwer darauf verzichten lässt.

Individuelle Trinkmotive
Die Situationen, die den Einzelnen besonders zum Trinken verleiten, sind individuell unterschiedlich und hängen von den persönlichen Erfahrungen ab. Während der eine Alkohol hauptsächlich in Gesellschaft seiner Freunde trinkt und Angst hat, nicht als "ganzer Kerl” zu gelten, wenn er nicht mittrinkt, setzt ein anderer Alkohol möglicherweise hauptsächlich dazu ein, Stress abzubauen und zu entspannen. Das heißt, die einheitliche Trink- bzw. Risikosituation gibt es nicht. Entscheidend ist, ob der Betreffende noch die Möglichkeit hat, sich in diesen Situationen für oder gegen Alkohol zu entscheiden, oder ob diese Entscheidung quasi automatisch abläuft.
Dass die Entscheidungsfreiheit eingeschränkt ist, merken viele erst zu spät. Bei dem Versuch, den eigenen Alkoholkonsum einzuschränken oder einzustellen, stellen sie fest, dass für die typischen Trinksituationen kaum noch Verhaltensalternativen existieren. Um die damit einhergehende Unsicherheit zu vermeiden, ist es einfacher, wieder zum gewohnten Mittel Alkohol zu greifen. Die Versuche, darauf zu verzichten, bleiben vergeblich. So rückt der Alkohol selbst mehr und mehr in den Mittelpunkt der Problematik. Möglicherweise ist Angehörigen oder Freunden aufgefallen, dass der Alkoholkonsum über ein "normales” Maß hinaus geht. Durch erfolglose Versuche, das Trinken wieder unter Kontrolle zu bekommen, entsteht ein schlechtes Gewissen, was häufig wieder zum erneuten Alkoholkonsum führt. So rutscht der Betroffene immer weiter in einen typischen Teufelskreis der Abhängigkeit.


 

 
 

C

Teufelskreis der Abhängigkeit

Der Weg aus diesem Teufelskreis heraus ist schwierig. Der erste entscheidende Schritt ist das Eingeständnis der eigenen Abhängigkeit. Für die meisten ist gerade dieser Schritt der schwierigste. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich mit dem Verlauf der Alkoholabhängigkeit beschäftigt haben, kann man in der Entwicklung vier Veränderungsphasen unterscheiden.


 
Teufelskreis der
Abhängigkeit
 
 

 


Der erste
Schritt

aus dem Teufelskreis,

ist das Eingeständnis

der eigenen

Abhängigkeit...

 

D

Vier Phasen der Veränderung


1.

Vor-Bewusstwerdung
Der Betroffene sieht in seinem Alkoholkonsum noch kein Problem, hat das Trinken nach eigener Meinung unter Kontrolle und sieht keinerlei Notwendigkeit, am Trinkverhalten etwas zu ändern. Lediglich Angehörige oder Kollegen machen sich Sorgen. Das Eingeständnis der Abhängigkeit ist für viele Betroffene äußerst bedrohlich. Sie wehren sich mit aller Macht dagegen und versuchen mit immer ausgefeilteren Methoden, die Umwelt aber auch sich selbst von der Harmlosigkeit ihres Trinkverhaltens zu überzeugen. In dieser Phase wäre eine erzwungene Behandlung wenig erfolgversprechend. Hier kommt es viel mehr darauf an, den Betroffenen bei der zur Veränderung notwendigen Einsicht zu unterstützen.

2.

Kritische Betrachtung
Der Betroffene beginnt, sich kritisch mit seinem Alkoholkonsum auseinander zu setzen. Für eine zielgerichtete Behandlung ist es in dieser Phase jedoch zu früh. Viel mehr geht es zunächst darum, verschiedene Behandlungsmöglichkeiten und –ziele zu vergleichen. Da die Entscheidung, Hilfe für die Alkoholproblematik in Anspruch zu nehmen, noch auf schwachen Beinen steht, ist es in dieser Phase für den Betroffenen hilfreich, wenn er Unterstützung in der Entscheidungsfindung erfährt, ohne das Gefühl zu haben, in eine bestimmte Richtung gedrängt zu werden.

3.

Handlung
Der Betroffene hat sich für eine bestimmte Form der Behandlung entschieden und beginnt nun aktiv mit dem Veränderungsprozess. Wichtig in dieser Phase ist, gemeinsam mit dem Betroffenen individuelle Ziele und geeignete Strategien zu deren Erreichung zu erarbeiten. Misserfolge und Stagnation stellen die Veränderungsmotivation des Betroffenen immer wieder auf eine harte Probe.

4.

Stabilisierung
In dieser Phase geht es um die Stabilisierung der gefassten Abstinenzabsicht. Hierbei ist besonders der Umgang mit typischen Rückfallsituationen wichtig, da diese weiterhin ein hohes Risiko darstellen. Schwierig für die Betroffenen ist oft eine misstrauische Haltung von Angehörigen oder Freunden, die seine Abstinenzabsichten fortdauernd auf die Probe stellen.

In der Realität laufen diese Phasen natürlich nicht klar abgegrenzt voneinander ab. Es gibt Übergänge und auch die Reihenfolge muss nicht immer genau dem oben beschriebenen Muster folgen. Als grobe Orientierung kann dieses Phasenmodell jedoch hilfreich sein, vor allem, was eine effektive Therapieplanung angeht und welche Maßnahmen für den Betroffenen zum gegebenen Zeitpunkt sinnvoll sind.


 

 


Eine erfolgreiche

Entzugsbehandlung

ist keine

Garantie für einen

dauerhaften

Erfolg...




























Einmal ist keinmal –

der erste Schritt in

den Rückfall...




E

Entzugsbehandlung steht am Anfang

Ist der Entschluss für eine Behandlung gefallen, steht in den meisten Fällen der Entzug an erster Stelle. Dieser sollte wenn möglich unter ärztlicher Aufsicht oder in einer darauf spezialisierten Klinik stattfinden. Erst wenn eine vorläufige Abstinenz hergestellt und eine körperliche Stabilität wieder erreicht ist, ist eine intensive Psychotherapie sinnvoll. Allerdings ist die Integration psychotherapeutischer Elemente zur Stärkung der Behandlungs- und Abstinenzmotivation schon während der Entzugsbehandlung zu empfehlen.
Eine erfolgreiche Entzugsbehandlung ist allerdings noch keine Garantie für einen dauerhaften Therapieerfolg. In vielen Fällen kommt es nach dem Entzug bei den Betroffenen zu Rückfällen. Dies geschieht besonders häufig nach einer längeren Abstinenzphase, wenn sich langsam das Gefühl einstellt, "es geschafft zu haben”, das Alkoholproblem unter Kontrolle zu haben. Diese Einstellung führt zu Unvorsichtigkeit in typischen Risikosituationen, die Gefahr eines Rückfalls wächst.


Acht typische Risikosituationen
Man unterscheidet in der wissenschaftlichen Forschung und Therapieplanung acht typische Risikosituationen:

 

1.

Negative Gefühle
Bei Ärger, Trauer, Streit oder beruflichem Stress steigt der Druck, Alkohol zu trinken, um sich zu beruhigen, die negativen Gefühle nicht mehr oder zumindest weniger intensiv ertragen zu müssen ("Ich trank vor allem, wenn ich mich insgesamt deprimiert und einsam fühlte.”).

2.

Körperliche Beschwerden
Alkoholgenuss führt bei körperlichem Unwohlsein zu einer subjektiven Besserung der Beschwerden bzw. der unangenehmen Zustände ("Ich trank vor allem, wenn ich mich körperlich unwohl oder krank fühlte, wenn ich Schlafstörungen hatte oder wenn ich wacher, munterer oder unternehmungslustiger werden wollte!”).

3.

Kontrolliertes Trinken
Wenn durch eine längere Abstinenzphase die Sicherheit entstanden ist, nunmehr kontrolliert mit Alkohol umgehen zu können, steigt die Gefahr, die bisherige Abstinenz zu verletzen und so wieder in alte Verhaltensweisen zurück zu fallen ("Ich trank vor allem, wenn ich sehen wollte, ob ich kontrolliert trinken kann, wenn ich mir beweisen wollte, dass Alkohol kein Problem für mich darstellt oder wenn ich herausfinden wollte, ob ich gelegentlich etwas Alkohol trinken kann, ohne erneut in die Abhängigkeit zu rutschen!”).

4.

Verlangen
In bestimmten Situationen, die früher mit Alkohol verbunden waren, kann es plötzlich zum Auftreten von körperlichem Verlangen kommen, das sich in Unruhe, Schwitzen, zittrigen Händen oder anderen Symptomen äußern kann. Wird der Betroffene durch dieses Verlangen überrascht, wirkt es oft übermächtig, der Griff zum Alkohol scheint unausweichlich ("Ich trank vor allem, wenn ich an einem Ort war, an dem ich früher Alkohol gekauft oder getrunken habe, wenn ich unerwartet eine Flasche meines Lieblingsgetränks fand oder zufällig etwas sah, was mich an Alkohol erinnerte!”).

5.

Angenehme Gefühlszustände
Alkohol wird nicht nur eingesetzt, um unangenehme Gefühle zu bekämpfen, sondern auch, um angenehme Gefühle zu verstärken oder zu verlängern ("Ich trank vor allem dann, wenn ich glücklich war, wenn ich mit mir und meinem Leben rundum zufrieden war oder wenn ich mich an ein positives Ereignis erinnerte!”).

6.

Geselligkeit
Situationen, in denen mehrere Menschen beisammen sind und in denen üblicherweise Alkohol getrunken wird, sind für viele Betroffene eine große Herausforderung und mit einem hohen Rückfallrisiko verbunden ("Ich trank vor allem, wenn ich mich gemeinsam mit alten Freunden amüsieren wollte oder wenn ich mich jemandem, den ich mochte, noch näher fühlen wollte!”).

7.

Konflikte
Als soziale Konflikte sind sowohl offene Auseinandersetzungen gemeint als auch Konflikte, die sich eher im Erleben des Betroffenen abspielen. Alkohol kann in solchen Situationen dazu dienen, den vorhandenen Konflikt weniger bewusst wahrzunehmen oder damit verbundene negative Gefühlszustände erträglicher zu machen ("Ich trank vor allem, wenn es zu Hause Krach gab, wenn ich mich in Gegenwart anderer Personen unwohl fühlte oder wenn ich mit anderen an meiner Arbeitsstelle oder in meiner Ausbildung nicht zurecht kam!").

8.

Soziale Verführung
Nicht selten finden sich im Freundeskreis eines Alkoholabhängigen einige Menschen, die den Betroffenen schon früher zum Trinken überredet haben und auch weiterhin nicht akzeptieren wollen, dass er auf Alkohol verzichten möchte. Durch die Aufforderung zum Mittrinken kann für den Betroffenen ein enormer Druck entstehen, dem er kaum standhalten kann ("Ich trank vor allem, wenn Freunde, mit denen ich unterwegs war, wiederholt vorschlugen, dass wir gemeinsam etwas trinken sollten oder wenn ich glaubte, eine Aufforderung zum Mittrinken nicht ablehnen zu können!").


Rückfallschock

Der erste Schritt in den Rückfall erfolgt in vielen Fällen nach dem Motto "Einmal ist keinmal". Der Betroffene greift trotz Behandlungserfolg und Abstinenzvorsatz in einer bestimmten Situation wieder zum Alkohol. Warum bleibt es in vielen Fällen nicht bei diesem einen Ausrutscher? Warum kommt es häufig zu einem schnellen Abrutschen in alte Verhaltensweisen? Oft stellt sich nach den ersten Schlucken Alkohol in einer solchen Situation ein schlechtes Gewissen ein. Es kommen Gedanken wie "Ich habe es schon wieder nicht geschafft zu widerstehen. Die Therapie hat nichts gebracht!". Anstatt sich an die Erfolge der Behandlung zu erinnern und zu versuchen, die Abstinenzabsicht wieder zu stärken, liegt nun der Gedanke "Jetzt ist es sowieso egal! Jetzt kann ich auch weiter trinken!" näher. Je mehr der Betroffene nun diesen Gedanken nachgibt, desto stärker werden die Schuldgefühle: "Ich bin ein hoffnungsloser Fall, ein Versager! Ich bin eine Zumutung für meine Familie!". Von hier aus ist der Weg nicht mehr weit zurück in die Spirale des bekannten abhängigen Verhaltens; führt häufig sogar zu einer Verschlimmerung der Problematik. An diesem Punkt setzt die Therapie in der Christoph-Dornier-Klinik an. Wie diese aussehen kann, lesen Sie unter dem Punkt “Therapie zur Rückfallprophylaxe“.


 

 

F

Besonderheiten der Medikamentenabhängigkeit

 


Anders als beim

Alkohol werden

Medikamente immer

von Anfang an

wegen ihrer Wirkung

eingenommen...



 


Die Gruppe der Medikamentenabhängigen ist sehr viel kleiner als die der Alkoholabhängigen. Daher kommen deren speziellen Bedürfnisse und Probleme in der Behandlung oder in Selbsthilfegruppen oft zu kurz.

Im Folgenden sollen die wichtigsten Unterschiede zwischen Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit sowie die Besonderheiten bei der Behandlung der Medikamentenabhängigkeit kurz erläutert werden.

 


Hoher Medikamentenkonsum in Deutschland

In Deutschland besteht ein besonders hoher Medikamentenkonsum. Statistisch gesehen nimmt jeder Bundesbürger dreimal pro Tag ein Medikament ein, oder anders gesagt: Im Laufe seines Lebens schluckt jeder Deutsche 80.000mal ein Arzneimittel. Allerdings sieht die tatsächliche Verteilung anders aus: Nur 20% der Bevölkerung nehmen die Hälfte aller Medikamente zu sich. Zu den "Risikogruppen" gehören vor allem Frauen, die doppelt so viele Arzneimittel nehmen wie Männer. Hierzu gehören aber auch Menschen mit chronischen Schmerzen oder Ängsten sowie Alkohol- oder Drogenabhängige.

Anders als bei Alkoholabhängigkeit steigt das Risiko für eine Medikamentenabhängigkeit mit zunehmendem Lebensalter.
Zu den Medikamenten, bei denen sich am häufigsten eine Abhängigkeit entwickelt, gehören Beruhigungsmittel (Tranquilizer), Schlafmittel (Hypnotika), Aufputschmittel und Schmerzmittel, hierbei vor allem die sogenannten zentralwirksamen Medikamente (Opiate). Aber auch viele andere, z. T. frei verkäufliche Medikamente wie Appetitzügler, Abführmittel oder rezeptfreie Schmerzmittel können zu Abhängigkeiten oder massiven gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen führen, wenn sie zu oft oder in zu hohen Mengen eingenommen werden.

Zwar gibt es Medikamente, vor allem solche mit hohem Suchtpotential, nicht wie Alkohol an jeder Straßenecke zu kaufen, aber der oft "lockere" Umgang mit Medikamenten sowohl mancher Ärzte als auch Patienten, machen die Beschaffung selbst rezeptpflichtiger Arzneimittel über einen längeren Zeitraum möglich. Darüber hinaus verspricht die Pharmaindustrie mit immer neu entwickelten Medikamenten Aussicht auf absolute Beschwerdefreiheit und legt dem Verbraucher nahe, es gebe für jedes Problem ein geeignetes Medikament. Andere Möglichkeiten, mit Krankheiten und Beschwerden umzugehen und die eigene Heilung selbst zu beeinflussen, werden oft vernachlässigt.

Einstieg
Anders als beim Alkohol werden Medikamente immer von Anfang an wegen ihrer Wirkung eingenommen, und nicht weil es gut schmeckt oder es alle anderen auch tun. Am Anfang steht immer ein Problem, für das der Betroffene eine Lösung sucht. Daher können sich Medikamentenabhängige oft besser als Alkoholiker an den Beginn der Abhängigkeitsentwicklung erinnern.

Konsumverhalten
Während bei Alkohol die Geselligkeit und soziale Verführung - vor allem bei Rückfällen - eine große Rolle spielen, findet der Gebrauch von Medikamenten meist im Verborgenen statt. Nicht die Einnahme steht bei Medikamenten im Vordergrund, sondern ganz klar die Wirkung. Dieser Unterschied führt dazu, dass eine Medikamentenabhängigkeit viel länger unbemerkt bleiben kann als eine Alkoholabhängigkeit. Die Betroffenen werden in den meisten Fällen nicht durch ihr Verhalten auffällig. Sie haben keine "Fahne", die Medikamente lassen sich gut verstecken und unauffällig einnehmen.

Wirkung
Die Wirkung von Medikamenten ist im Gegensatz zur Wirkung von Alkohol schwerer vorherzusagen. Neben einer Toleranzsteigerung kann es bei Medikamenten auch zu einer Wirkungsumkehr kommen. Manche Medikamentenabhängige nehmen z. B. nach einiger Zeit Beruhigungsmittel, um wach zu werden. Darüber hinaus können vor allem durch die Kombination verschiedener Medikamente (z. B. Schlafmittel und Aufputschmittel) unvorhersehbare Komplikationen auftreten.

Abhängigkeitsentwicklung und Entzug
Manche Medikamente verfügen über ein wesentlich höheres Suchtpotential als Alkohol. Schon nach wenigen Tagen können körperliche Entzugserscheinungen auftreten, die den ursprünglichen Symptomen sehr ähnlich sind und den Betroffenen zur erneuten Medikamenteneinnahme bewegen. Die häufig sehr starken und langwierigen Entzugserscheinungen von Medikamenten machen es dem Abhängigen besonders schwer, den ersten Schritt in Richtung Abstinenz zu gehen. Während Alkoholabhängige nach den ersten Tagen des Entzugs meist eine deutliche Besserung bemerken, können Entzugserscheinungen bei Medikamenten auch verzögert erst nach mehreren Tagen einsetzten und länger anhalten.

Psychotherapeutische Behandlung
Für die psychotherapeutische Behandlung gelten in jedem Fall die gleichen Grundsätze wie bei der Alkoholabhängigkeit. Das Hauptziel der Therapie ist es, mit dem Betroffenen alternative Bewältigungsmöglichkeiten für Problemsituationen zu erarbeiten, so dass er in Zukunft ohne die Medikamente auskommen kann. Da sich allerdings das Konsumverhalten, wie oben beschrieben, anders darstellt als bei einer Alkoholabhängigkeit, spielt die Konfrontation mit dem Suchtmittel (Exposition in vivo) bei Medikamentenabhängigkeit in den meisten Fällen eine weniger große Rolle. Vielmehr geht es darum, das Vertrauen der Betroffenen in die eigenen Fähigkeiten im Umgang mit Problemen zu stärken.



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