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Die Angst,
dick zu sein
oder zu
werden, ist
ein ganz zentrales
Merkmal...
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Anders als die Magersucht ist die bulimische Essstörung nicht
auf den ersten Blick zu erkennen: Die Betroffenen leiden zwar unter
ihrem gestörten Essverhalten, das durchaus auch sehr extreme Formen
annehmen kann, doch rein äußerlich ist erst einmal nichts zu
sehen. Denn bulimische Patientinnen sind nicht untergewichtig, und sie
leiden in der Regel auch nicht unter Übergewicht. Es gibt jedoch
einige auffällige Merkmale im Verhalten der Patientinnen, die es
neben den körperlichen Veränderungen Fachleuten möglich
machen, eine richtige Diagnose
zu stellen. Und auch für Betroffene und ihre Angehörigen oder
Freunde ist es wichtig zu wissen, woran man eine bulimische Essstörung
erkennen kann.
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Heißhungerattacken
Das Symptom, unter denen die Betroffenen am meisten leiden, ist
die nicht kontrollierbare
Neigung der Patientinnen zu Heißhungeranfällen mit anschließenden
Essattacken (die Betroffenen sprechen lieber von Essanfällen).
Regelmäßig, mehrmals die Woche oder sogar mehrfach am
Tag, kommt es zu solchen "Attacken", bei denen der Heißhunger
nicht kontrolliert werden kann und bei denen große Mengen
an Nahrung "verschlungen" werden. Bei einigen Patientinnen
ist es nur die ganze Tafel Schokolade, bei anderen sind es (z.B.):
Ein bis zwei große Dosen Nudeln in Tomatensoße (kalt),
ein großes Weißbrot, ein Glas Schokoladen-Brotaufstrich,
eine Schachtel Pralinen oder Kekse, 1 Kilo Speiseeis und noch mehr.
Manchmal enthalten diese Mengen 4000 oder gar 8000 Kcal, in Einzelfällen
auch 12.000 oder mehr als 15.000 Kcal. Für solche Essanfälle
ist es typisch, dass vor allem kalorienreiche, süße Nahrung
verschlungen wird; außerdem sind die verwendeten Lebensmittel
häufig weich und werden nicht in heißem Zustand gegessen,
denn das würde wehtun oder zu Verletzungen des Schlundes oder
der Speiseröhre führen.
Typisch ist es auch, dass der Heißhunger bei diesen Essattacken
nicht kontrolliert werden kann, so dass die Betroffenen gar nicht
aufhören können, obwohl sie es wollen.
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Angst vor dem Dicksein
Die Angst, dick zu sein oder dick zu werden, ist ein ganz zentrales
Merkmal essgestörter Patienten – nicht nur bei der Magersucht,
sondern auch bei der Bulimie. Diese Angst ist nicht nur eine "Marotte",
sondern eine heftige emotionale und körperlich spürbare
Reaktion, die durch bestimmte Lebensmittel und auch durch die Konfrontation
mit dem Körpergewicht und der Figur ausgelöst wird, ganz
besonders aber durch die Essanfälle: Es entsteht regelrechte
Panik.
Die Angst ist durch den "Verstand" kaum noch zu steuern,
sie wird für die Betroffenen so unerträglich, dass sie
nur die Möglichkeit sehen, mit mehr oder weniger drastischen
Gegenmaßnahmen gegenzusteuern.
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Gegenmaßnahmen
Aus Angst, nach solchen Essanfällen dick zu werden, oder
weil das Völlegefühl unerträglich wird, greifen die
betroffenen Patientinnen zu Gegenmaßnahmen, um nicht zuzunehmen
oder sich wieder besser zu fühlen. Die bekannteste und schnellste
Möglichkeit ist das absichtliche
Erbrechen nach solchen Essanfällen. Nach anfänglichen
Schwierigkeiten (absichtliches Erbrechen kann sehr unangenehm sein!)
gelingt es den meisten Patientinnen, das Erbrechen relativ schnell
und problemlos herbeizuführen, irgendwann geht es fast schon
automatisch.
Auf jeden Fall aber erreichen die Patientinnen damit eine wirksame
Erleichterung: Die Angst vor dem Dicksein lässt nach, das Völlegefühl
verschwindet, aber auch andere unangenehme Gefühle wie z.B.
innerer Druck und Anspannung hören auf. Nicht alle Patientinnen
jedoch erbrechen nach Essanfällen: Einige setzen große
Mengen an Abführmitteln
ein, um die Angst vor dem Dicksein zu kontrollieren; andere treiben
exzessiv Sport, um die großen
Kalorienmengen zu verbrennen; wieder andere fasten
an den Folgetagen, um eine Gewichtszunahme zu verhindern.
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Essverhalten
Nicht nur Erbrechen, Sport oder Abführmittel werden eingesetzt,
um das Dickwerden zu verhindern. Sondern auch das alltägliche
Essverhalten ist durch eine ständige
Kontrolle geprägt. Das ganze Denken dreht sich fast
nur noch um das Thema Essen. Ähnlich wie bei magersüchtigen
Patientinnen wird jede Mahlzeit, jedes Lebensmittel auf Kalorienzahl,
Fett- und Eiweißgehalt geprüft, die tägliche Kalorienzufuhr
wird gezählt, die Mengen und Größen der Mahlzeiten
werden genau registriert.
Kontrolliert wird natürlich ganz besonders, ob sich das eingeschränkte
Essverhalten auch in Ergebnissen zeigt: Tägliches Wiegen, manchmal
oft am Tag, und dabei die Orientierung an "magischen Grenzen",
d.h. dass ein bestimmtes Körpergewicht nicht überschritten
werden darf. Anders als bei magersüchtigen Patientinnen wird
diese Grenze jedoch nicht immer weiter gesenkt, sondern die bulimischen
Patientinnen achten vor allem darauf, nicht weiter zuzunehmen.
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Wahrnehmung
Ähnlich wie bei magersüchtigen Patientinnen ändert
sich auch bei bulimisch gestörten Patientinnen die Körperwahrnehmung.
Die Figur wird als zu dick wahrgenommen, auch dann, wenn die Person
eindeutig normalgewichtig ist. Auch andere Wahrnehmungen sind gestört,
z.B. das Gespür für Hunger
und Sattheit. Die Patientin mit Bulimia nervosa kann sich
nicht mehr auf dieses Gefühl verlassen, sie kann es nicht mehr
zuverlässig wahrnehmen – und muss es durch Kontrolle,
also Kalorienzählen ersetzen.
Auch die Selbsteinschätzung, der Selbstwert
werden überwiegend von der Form der Figur und dem Körpergewicht
beeinflusst: Alles Denken kreist zunehmend um Kalorien, Körpergewicht,
Figur, Essen und Kontrolle des Essens. Andere Lebensbereiche, die
früher die Selbsteinschätzung geprägt haben, wie
z.B. Beziehungen, Bedürfnisse, Interessen, Fähigkeiten,
Aktivitäten usw. spielen kaum noch eine Rolle für die
Tatsache, ob man sich akzeptiert oder nicht.
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Psychische Veränderungen
Je länger die Bulimie andauert, desto mehr hängt das Wohlergehen
der betroffenen Person vom Körpergewicht und von der Form der
Figur ab. Das Essen, besonders die Essanfälle mit den anschließenden
Gegenmaßnahmen, wird bald zum Ersatz
für den Umgang mit Belastungen. Essen lenkt ab, beruhigt und
entspannt, und auch die Gegenmaßnahmen wie z.B. das Erbrechen
oder der Sport, dienen jetzt dazu, Spannungen abzubauen, Gefühle
zu regulieren, innere Leere oder Unruhe zu bekämpfen. Beziehungen
werden immer weniger gepflegt, die soziale Isolation – auch
innerhalb der Familie – wird stärker, der Umgang mit anderen
Menschen wird eingeschränkter, die Betroffenen sind mehr und
mehr auf ihr gestörtes Essverhalten angewiesen, um mit ihren
Gefühlen zurechtzukommen. Langfristig kommt es so zu noch mehr
Stimmungsschwankungen, sehr häufig sind depressive Verstimmungen.
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Körperliche Veränderungen
Durch das veränderte Essverhalten (restriktiv essen), und vor
allem auch durch die Essattacken und die Gegenmaßnahmen
werden dem Körper erhebliche
Umstellungen abverlangt. Wie bei der Magersucht ändert
der Körper schon mit dem restriktiven Essen seinen Stoffwechsel.
Der Grundumsatz wird umgestellt, es werden weniger Kalorien verbrannt
und mehr gespeichert, der Körper arbeitet gewissermaßen
"auf Sparflamme".
Es kommt zu Verschiebungen im Wasser- und Elektrolythaushalt, das
bedeutet, dass wichtige Spurenelemente wie Kalium nicht mehr im
normalen Sinne für den Haushalt des Körpers zur Verfügung
stehen. Eine der zahlreichen Folgen dieser Umstellung sind z.B.
Herzrhythmusstörungen, Probleme der Nierenfunktionen, Hautveränderungen,
aber auch starke Änderungen des Hormonhaushalts: Sehr schnell
bleibt die Menstruation aus, der weibliche Zyklus ist "stillgelegt".
Auffallend ist in diesem Zusammenhang auch die Stilllegung des
Hunger-Sattheits-Gefühls (s.o.). Als Folge der Essanfälle
und des Erbrechens (wie auch anderer Gegenmaßnahmen) lassen
sich bei bulimischen Patientinnen zudem typische Vergrößerungen
der Ohrspeicheldrüsen beobachten (der Körper muss beim
Schlingen wie beim Erbrechen enorme Mengen an Speichel produzieren),
die nach gewisser Zeit dann zu Veränderungen in der Gesichtsform
("Hamsterbäckchen") führen.
Typisch sind auch Verletzungen und Entzündungen der Speiseröhre
und des Mundinnenraumes, Magenbeschwerden, Erosionen des Zahnschmelzes
an der Innenseite der Zähne (als Folge der Magensäure,
die beim Erbrechen die Zähne angreift).
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Zusammenfassung:
Diese unterschiedlichen Merkmale zeigen, dass es sich bei der Bulimia
nervosa (wie auch bei der Magersucht) um eine sehr komplexe
psychische und gleichzeitig körperliche Erkrankung handelt,
die ernsthafte Folgen haben kann, wenn sie nicht richtig behandelt wird.
Die Gemeinsamkeiten mit der Magersucht sind deutlich, doch auch die Unterschiede:
Patientinnen mit Bulimia nervosa sind normalgewichtig, doch ihr Erleben
und Verhalten ist ähnlich wie bei magersüchtigen Patientinnen
erheblich eingeschränkt und gestört, und hat weitreichende psychische
und körperliche Folgen.
Die bulimische Essstörung kann heute sehr gut behandelt werden, es
stehen in der modernen Psychotherapie eine Vielzahl von gut überprüften
Methoden zur Verfügung, die eine sichere und langfristig stabile
Genesung möglich machen. Es ist aber zunächst notwendig, die
richtige Diagnose
der Bulimie zu stellen. Dazu sollte unbedingt professionelle Hilfe
in Anspruch genommen werden.
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